Tagesarchiv: 28. März 2011

schreibidee (245)

höchste beachtung verdient die menschwürde. dadurch, dass wir menschen über uns und unsere situation reflektieren können, entwickeln wir auch eine ethische haltung dazu, ab welchem moment einem menschen die würde genommen wird. das bedeutet, ab wann ein mensch nicht mehr als mensch behandelt wird, sondern eher als sache, als wertloses ding oder als ein lebewesen ohne emotionen und reflexion. dies kommt leider weiterhin öfter vor als man denkt. und die folgende schreibanregung greift den gedanken auf, um „würdelose texte“ zu schreiben.

was gehört für die teilnehmerInnen zur „meschenwürde“? diese frage soll mit einem einseitigen text (also mit einem text von einer seite länge 😉 ) beantwortet werden. die texte der menschenwürde werden anschließend vorgetragen. danach wird es eine emotional sehr bewegende gruppensitzung der schreibgruppe werden. denn würdelosigkeit berührt mit großer garantie. zu weiteren einstieg werden entweder texte von folteropfern oder dokumentationen über folteropfer gezeigt. folter ist eine der drastischsten formen, dem menschen seine würde zu nehmen.

anschließend ist eine geschichte zu verfassen, in der jemand davon berichtet, wie ihm die würde genommen wurde. es muss sich dabei nicht um folter handeln. es bleibt der fantasie überlassen, welche würdelose oder entwürdigende situation geschildert wird. einzige vorgabe für den text ist es, möglichst intensiv und bewegend die geschichte zu formulieren. danach werden die entstandenen geschichten vorgetragen und in der feedbackrunde wird auch darauf geachtet, wie bewegend die schilderung auf die schreibgruppenteilnehmerInnen wirkte.

zum abschluss geht es darum, der würdelosigkeit etwas entgegen zu setzen. was ist notwendig, um keine würdelosen situationen mehr zu erleben. alle teilnehmerInnen sind aufgefordert, ein „manifest wider die würdelosigkeit“ zu verfassen. dieser aufruf sollte anschließend im entsprechenden tonfall eines aufrufs vorgetragen werden. falls interesse besteht und die schreibenden nicht zu sehr mitgenommen sind, kann der film „buenos aires 1977“ noch angeschaut werden. in diesem film wird geschildert, wie menschen in argentinien sukzessive durch folter und psychoterror die menschenwürde genommen wurde und wie sie versuchten sich von dieser situation zu befreien.

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„ich will so werden wie ich bin“ von kitz & tusch – ein buchtipp

das leben scheint anstrengend zu sein. es erscheint immer mehr menschen als stressiges unterfangen, aus dem sie sich nicht mehr zurückziehen können. man erfährt sich in einem hamsterrad gefangen. ist unsere welt so anders geworden oder ist es nur luxus darüber zu jammern, wie anstrengend alles ist?

volker kitz und manuel tusch zeichnen in der ersten hälfte ihres buches „ich will so werden wie ich bin – für selberleber“ ein genaues bild der anmutungen von „außen“, die inzwischen auf alle menschen in unserer gesellschaft einwirken. dabei widmen sich sich vor allen dingen den indirekten zwängen, die oft in widerspruch zu den eigenen bedürfnissen stehen. ganz oben in der liste steht ein leistungszwang, der nicht mehr nur das berufsleben, sondern auch die freizeit und die „selbstverwirklichung“ betrifft.

oft verliert man durch diese mechanismen (eben indirekte zwänge und formen der fremdbestimmung) den kontakt zu sich selbst und seinen subjektiven bedürfnissen. man handelt also gegen die eigenen interessen. das setzt unter druck. getoppt wird das ganze noch durch die inzwischen unendlich scheinenden möglichkeiten, die uns angeboten werden. wir sind gezwungen ständig entscheidungen zu treffen, was wir denn machen wollen, und diese sollten natürlich auch die „richtigen“ entscheidungen sein.

kitz und tusch laden in ihrem buch dazu ein, sich wieder sich selber und seinen bedürfnissen zu zu wenden. das ist eine logische folge der analyse gesellschaftlicher verhältnisse im ersten teil des buchs. die autoren des buches betonen, dass diese veränderung der eigenen lebenssituation nur funktioniert, wenn man dies auch möchte. und sie bieten im zweiten teil des buches techniken an, wie man eine veränderung herbeiführen kann. dabei schlagen sie vor allen dingen techniken aus der systemischen therapie vor, die erst einmal das vorherrschende system verstören, um ein neues aufbauen zu können.

sie führen in einer verständlichen und motivierenden sprache an übungen heran, die helfen, die eigenen bedürfnisse benennen zu können und bieten möglichkeiten an, sich der erfüllung dieser bedürnisse zu widmen. man kann darüber streiten, wie weit dies eine etwas einseitige herangehensweise ist, die vor allen dingen wieder den einzelnen fordert, aber die nötigen gesellschaftlichen veränderungen ignoriert. aber als erster schritt und vor allen dingen kurzfristiger schritt, seine eigene lebenssituation zu verbessern, lohnt es sich, das buch zu lesen.

persönlich finde ich, sollten aber zwei strategien gleichzeitig verfolgt werden: die kurzfristige, mich gegen die zwänge von außen ein stück weit zu verwehren und eigene wege zu gehen. dann aber auch die langfristige, sich für eine veränderung der gesellschaftlichen verhältnisse einzusetzen, die dazu führen, dass wir immer wieder im hamsterrad landen. auf alle fälle ist das buch eine vortreffliche anregung, über das eigene lebenskonzept nachzudenken. es ist im campus verlag 2011 in frankfurt am main erschienen. ISBN 978-3-593-39218-9