biografisches schreiben und tristesse

 

menschen gehen in der öffentlichkeit gern davon aus, dass sie wichtig sind, dass sie beachtung verdienen und dass sie tolle leistungen erbringen. davon gehen sie zumindest (oft in strategischem verhalten) anderen gegenüber aus. doch kaum werden sie dazu eingeladen, über sich selbst zu schreiben, etwas aus ihrem leben zu erzählen, da formulieren sie, dass sie nichts besonderes erleben, dass ihr alltag langweilig sei und alles ein wenig trist.

dann kommt man mit diesen menschen langsam ins gespräch und es zeigt sich, sie haben wahnsinnig viel im laufe ihres lebens erlebt. sie sind voller geschichten, die, einmal angezapft, nur so aus ihnen hervorsprudeln. doch auch im verlauf des gesprächs gehen sie davon aus, dass ihre geschichten niemanden interessieren wird. nun kann man niemanden zwingen, seine geschichte zu veröffentlichen oder für sich selbst zu notieren. aber man kann eindeutig interesse zeigen, das nicht gespielt werden muss.

und man kann etwas anderes vermitteln, vor allen dingen auch durch das biografische schreiben, den blick auf das eigene leben und den eigenen alltag zu verändern. genauer hinzusehen, was stündlich passiert, was man erlebt, was sich auf der straße zuträgt. es wird nicht lang dauern, bis menschen erkennen, wie randvoll die welt von geschichten ist. ob das die überforderte mutter im supermarkt ist, die an die eigene überforderung mit drei kleinen kindern erinnert. oder ob das das streitende und zischelnde ehepaar in der theateraufführung ist. oder ob das die kleinen sticheleien der arbeitskollegInnen wegen des eigenen beziehungspartners ist. es passieren laufend dinge, die zumindest eine kleine notiz wert sind. mehr muss gar nicht sein. man kann also den menschen vorschlagen, kleine erlebnisse und begebenheiten zu notieren.

es wird sich beinahe automatisch im laufe der zeit einstellen, dass der blick geschärft wird. dass man spürt, aus dieser begebenheit könnte eine geschichte werden. diese geschichte muss nicht länger als eine seite oder einen halbe sein, aber sie sollte aufgeschrieben werden. und irgendwann kann die einladung erfolgen, die eigenen geschichten kurz und knapp zu notieren. wer dann noch lust hat, kann diese geschichten miteinander verknüpfen und erweitern. und plötzlich stellt man fest, es ist eine ganze menge, was ich zumindest mir zu erzählen haben. vielleicht klappt dann auch der nächste schritt, überzeugt zu sein, dass meine geschichten andere interessieren können. wie geschrieben, das klingt für viele menschen erst einmal ungeheuerlich, aber schrittweise gar nicht mehr so schlecht.

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